Tag des Schiedsrichters - 11.11.2021

Gleichstellung statt Bonbons: Frauen-Gespanne mit gleichen Rechten - und gleichen Pflichten

Tanja Kuttler und Maike Merz sind das einzige Frauen-Gespann im Elitekader. Tanja Kuttler und Maike Merz sind das einzige Frauen-Gespann im

Elitekader.

Frauen an der Pfeife sind immer noch die Ausnahme. Der überwiegende Teil der Schiedsrichter sind Männer - das gilt von der 1. Bundesliga bis zur Kreisklasse. Auch im Deutschen Handballbund nahmen die weiblichen Gespanne in den vergangenen Jahren stets eine Sonderrolle ein. Damit ist es seit dieser Saison vorbei - im Schiedsrichterwesen des Deutschen Handballbundes hat man sich die Gleichstellung auf die Fahnen geschrieben.

Was bedeutet das konkret? Seit dieser Spielzeit wird bei den Ansetzungen und in der Rangliste kein Unterschied mehr gemacht, ob ein Gespann männlich oder weiblich ist. Alle Schiedsrichter-Teams haben, so die Idee, die gleichen Rechte, aber auch die gleichen Pflichten. Die internationale Top-Schiedsrichterin Maike Merz und Katharina Heinz-Hebisch, neugewählte Sprecherin des Bundesligakaders, befürworten den Schritt.

Um einen Eindruck von der neuen Strategie zu gewinnen, braucht man nur einen Blick in die Ansetzungen der 2. Bundesliga der Männer zu werfen. Der Unterschied zu den Vorjahren wird bereits in den ersten zwei Monaten der Saison 2021/22 deutlich:

Drei Spiele für Sophia Janz und Rosana Sug. Drei Spiele für Saskia Blunck und Svenja Maczeyzik. Zwei Spiele für Katharina Heinz-Hebisch und Sonja Lenhardt. Zwei Spiele für Daniela Kuschel und Sandra Senk. Ein Spiel für Jennifer Eckert und Maria Ludwig. Ein Spiel für Tanja Kuttler und Maike Merz. Insgesamt zwölf Partien der 85 bisher ausgetragenen Partien im Unterhaus wurden von Frauen geleitet, was 14 Prozent entspricht. Es ist ein historischer Höchstwert.

"In den vergangenen Jahren haben wir in erster Linie Frauenspiele gepfiffen und ein Männerspiel als Bonbon bekommen", beschreibt Heinz-Hebisch die Ausgangslage. "Auch die anderen Frauen-Teams sind vorher nur selten in der 2. Bundesliga der Männer zum Einsatz gekommen. Jetzt sind wir alle regelmäßig dort im Einsatz."

Das sei auch schon den Vereinen aufgefallen. "Von dem ein oder anderen Trainer wurden wir angesprochen, weil sie in zwei Spielen nacheinander Frauen-Gespanne hatte", schmunzelt die 34-Jährige. "Das sind sie nicht gewohnt." Negativ seien die Nachfragen, das ist ihr wichtig, übrigens nicht gewesen: "Die Trainer, mit denen wir gesprochen haben, haben es ganz klar befürwortet."

Für die weiblichen Gespanne im Deutschen Handballbund ist damit eine neue Zeit angebrochen: Bislang wurden die Frauen-Teams zwar in den jeweiligen Kadern geführt, doch "wir bekamen nicht die gleichen Spiele, die unsere männlichen Kollegen bekommen haben", wie Heinz-Hebisch es formuliert.

Die Leistungen von ihr und ihren Kolleginnen waren daher nicht mit den Männer-Teams vergleichbar - die Punktzahlen wurden erhoben, flossen allerdings nicht offiziell in die Rangliste ein. So konnten die Frauen zwar nicht absteigen - aber eben auch nicht aufsteigen. Sah man Potenzial bei einem weiblichen Gespann, wurde es unabhängig vom Ranking in den nächsthöheren Kader versetzt.

Keine Sonderbehandlung mehr für Frauen-Gespanne - Anzeige - Mit dieser Sonderbehandlung ist es nun vorbei - die Frauen-Teams müssen sich der direkten Konkurrenz mit den Männern stellen. "Es war sicherlich ein nachvollziehbarer Ansatz, den Frauen-Gespannen, die auf ihrem Weg in die Spitze immer wieder Hindernissen ausgesetzt waren, in den vergangenen Jahrzehnten eine gewisse Sonderrolle zuzuerkennen", erkennt Jutta Ehrmann-Wolf, Leiterin des Schiedsrichterwesens im DHB, an. Nun sei jedoch die Zeit für den nächsten Schritt gekommen: "Die Schiedsrichterinnen haben diese Chance genutzt - nun wird es Zeit, ihnen ihre weitere Karriere anhand ihrer eigenen Leistung zu ermöglichen."

Der Schlüssel dafür soll die Gleichstellung sein, wie Ehrmann-Wolf betont: "Unsere Frauen bekommen im Bereich der Bundesligen die gleichen Spiele, die gleiche Spielqualität und auch die gleichen Anteile an Männer- und Frauenspielen wie alle männlichen Gespanne." Dass es in der Vergangenheit auch Frauen-Teams gab, die gar nicht unbedingt bei den Männern pfeifen wollten, weiß Ehrmann-Wolf, doch derartige Sonderwünsche werden nicht mehr berücksichtigt: "Wer in einem Kader sein will, muss bereit sein, die gleichen Spiele wie alle anderen zu pfeifen - egal, ob Mann und Frau."

Statt auf das Geschlecht liegt der Fokus von Ehrmann-Wolf, die gemeinsam mit Susanne Künzig als erstes Frauen-Gespann in der Männer-Bundesliga pfiff, ausschließlich auf der Leistung. Wie bei den Männern entscheiden nun einzig die Ergebnisse der neutralen Coachings und der Vereinsbeobachtungen über die Platzierung in der Rangliste - und damit erstmals regulär über Auf- und Abstieg. Für Heinz-Hebisch ist es die einzige richtige Entscheidung. "Es ist fair", hält sie schlicht fest. "Wir müssen unsere Leistung bringen und sehen dann am Ende, wo wir im Vergleich stehen."

Sich der Konkurrenz mit den Männern stellen: Die Herausforderung will Heinz-Hebisch ebenso annehmen wie Maike Merz, die gemeinsam mit ihrer Schwester Tanja Kuttler das einzige Frauen-Gespann im Elitekader bildet. "Wir sind Sportler und möchten - wie jeder einzelne Spieler - im Wettkampf stehen und zu Recht dem Elitekader angehören", betont Merz. "Es hilft keinem weiter, wenn man nur dort oben steht, weil man eine Frau ist - das Thema Quote haben wir deshalb schon immer abgelehnt."

Sie befürwortet die neue Strategie des Leitungsgremiums. "Durch die Gleichstellung in den Ansetzungen haben alle Frauen-Gespanne erstmals wirklich die Chance, sich mit den männlichen Kollegen zu messen", betont Merz, die gemeinsam mit ihrer Schwester für die Frauen-Weltmeisterschaft im Dezember nominiert ist. "Denn wenn man nicht dieselben Spiele leitet, kann auch kaum ein Vergleich stattfinden."

Mit der Begegnung zwischen den Füchsen Berlin und dem THW Kiel leitete das Gespann Kuttler /Merz im Oktober ein echtes Topspiel in der LIQUI MOLY HBL - für die internationalen Schiedsrichterinnen ein wichtiger Baustein. "Man macht in solchen Spielen Erfahrungen, die man nicht im Regelwerk nachlesen kann", sagt sie. "Der Druck, das Umfeld und die Aufmerksamkeit lassen sich nicht simulieren. Man muss es erlebt haben - und dabei auch Fehler machen -, um daraus zu lernen und daran zu wachsen."

Die nunmehrige Gleichbehandlung in den Ansetzungen kann jedoch eine Tatsache nicht wettmachen: Zwar rückten die Frauen-Gespanne in den vergangenen Jahren über ihre Sonderrolle schon in die höheren Kader auf, doch jetzt fehlen ihnen dadurch die breiten Erfahrungen von zahlreichen Männer-Partien auf dem Weg nach oben. Entsprechend starten sie aus einer anderen Ausgangslage in die Saison: Sie müssen sich in Spielen beweisen, welche sie bisher nicht leiteten - und an die sich viele männlichen Teams in den vergangenen Jahren bereits gewöhnen konnten.

Die beiden Frauen wollen das jedoch nicht als Ausrede gelten lassen. "Wir wollen durch unsere Leistung bestehen", betont Heinz-Hebisch und auch Merz sagt: "Die Erfahrung lässt sich nun nicht mehr nachholen, aber nichtsdestotrotz sind wir überzeugt, dass die Frauen-Gespanne, die sich bis jetzt durchgebissen haben, auch das Zeug dazu haben, sich in ihren Ligen zu behaupten."

Sie hätten "diese Chance immer haben wollen", betont Merz, "Jetzt müssen wir sie auch ergreifen." Heinz-Hebisch stimmt zu: "Wir wollen durch unsere Leistung bestehen." Ehrmann-Wolf betrachtet die Situation ebenso nüchtern: "Es gibt auch Männer, die gerade erst in den Bundesligakader aufgestiegen sind und dort noch kein Standing haben - und die Frauen sind hochmotiviert, den Wettbewerb anzunehmen."

Der Schiedsrichter-Ausschuss des DHB habe in den letzten Jahren diesen neuen Weg "durch die Involvierung der Frauen in die Kader gut vorbereitet", lobt sie, "aber jetzt gilt es, mit aller Konsequenz die nächste Zeitrechnung einzuläuten".

Neben den neuen Herausforderungen auf dem Spielfeld brachte die Spielzeit für Heinz-Hebisch noch eine weitere Premiere mit sich: Die 34-Jährige wurde zur Sprecherin des Bundesligakaders gewählt und stellt damit das Bindeglied zum Leitungsgremium dar. "Das ist verrückt, ich hätte das nie gedacht", freut sie sich über die Wahl durch die Kolleg:innen auf dem Sommerlehrgang. "Es ist toll, dieses Amt als erste Frau übernehmen zu dürfen."

Die Resonanz der männlichen Kollegen auf die angestrebte Gleichstellung ist "durch die Bank positiv", wie Heinz-Hebisch betont. Auch Ehrmann-Wolf sieht durch die neue Situation keine Spannung in den Kadern: "Die Männer haben kein Problem", ist sie überzeugt. "Die müssen jedes Jahr mit Konkurrenz umgehen - und ob diese jetzt männlich oder weiblich ist, macht keinen Unterschied." An der Anzahl der Auf- und Absteiger ändere sich durch die neue Strategie nichts.

Die neue Schiedsrichter-Chefin ist überzeugt, dass die Frauen bestehen können. "Wir haben das neue System sorgfältig und im Hintergrund implementiert, ohne dass vorher groß anzukündigen - und die Rückmeldungen aus den Vereinsbeobachtungen und den neutralen Coachings sind alle ordentlich", fasst sie zusammen.

Die Gleichstellung von männlichen und weiblichen Schiedsrichtern müsse "auf Dauer selbstverständlich werden", betont Ehrmann-Wolf. Sie hofft darauf, dass die Strategie eine Signalwirkung haben wird. "Wir machen einen Top-Down-Approach, wie es in der freien Wirtschaft heißen würde", sagt sie.

"Wir fangen mit der Bundesliga und Jugendbundesliga an, auch die 3. Liga hat die ersten Schritte eingeleitet - und dann schließen sich die Landesverbände hoffentlich an." Gleichzeitig wolle man als DHB bundesweite Maßnahmen zur Gewinnung von Frauen und Mädchen für das Schiedsrichterwesen starten.

Ihrer Vorbildfunktion sind sich Heinz-Hebisch und Merz beusst. "Wir kämpfen für alle weiblichen Gespanne, die ihren Weg noch vor sich haben, damit die Gleichstellung für sie selbstverständlich ist", hofft Merz. Heinz-Hebisch klingt ähnlich: "Die weiblichen Nachwuchsgespanne haben erstmals eine echte Aussicht, den gleichen Weg gehen zu können wie die männlichen Teams. Das ist gut und richtig."

Doch zunächst müssen Merz, Heinz-Hebisch und ihre Kolleginnen liefern - und beweisen, dass Frauen an der Pfeife auch tatsächlich in der direkten Konkurrenz zu den Männern bestehen können. Denn Nachsicht, das stellt Ehrmann-Wolf klar, dürfen sie vom Leitungsgremium nicht erwarten: "Ich habe unseren Frauen gesagt: Wir können euch die Tür nur öffnen - durchgehen müsst ihr selbst."

Die Frauen-Gespanne auf einen Blick:

Tanja Kuttler / Maike Merz (Elitekader)

Sophia Janz / Rosana Sug (EHF Young Referee Project)

Katharina Heinz-Hebisch / Sonja Lenhardt (Bundesligakader)

Daniela Kuschel / Sandra Senk (Bundesligakader) J

ennifer Eckert / Maria Ludwig (Bundesligakader)

Saskia Blunck / Svenja Maczeyzik (Bundesligakader)

Laura Drischmann / Vanessa Schumann (Perspektivkader)

Melanie Friedrich / Andrea Hesse (Perspektivkader)

Pelin Odabas / Lynn van Os (Perspektivkader)

Janica Büschgens / Kim Büschgens (Perspektivkader)

Quelle: https://www.handball-world.news/o.red.r/news-1-1-1-136799.html

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